Deutschsprachige Oscar-Anwärter
"Am Montag wird mein Leben wieder normal"
Aus Los Angeles berichtet
Marc Pitzke
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DPA
Mit rekordträchtigen 13 Produktionen und Co-Produktionen geht Deutschland ins Oscar-Rennen. Die größten Chancen hat aber nicht "Das weiße Band" - sondern der Wiener Christoph Waltz für seine Nazi-Rolle in "Inglourious Basterds". Die deutsche Delegation in Hollywood feierte ihn schon vorher.
Die Ruhe vor dem Sturm währt nur kurz. Es ist früher Abend in Hollywood, Christoph Waltz hat einen stillen Tisch gefunden, auf einer Café-Terrasse nahe des Sunset Boulevards. Er sitzt vor einem Glas, die Beine übergeschlagen, und lutscht lässig an einem Eiswürfel.
Dann entdecken ihn die Reporter. Sofort ist er umstellt. Mikrofone und Diktiergeräte stechen ihm ins Gesicht, der Scheinwerfer einer TV-Kamera blendet. Fragen über Fragen prasseln auf ihn nieder: "Sind Sie nervös? Haben Sie sich Ihre Dankesrede schon ausgedacht? Hat sich Ihr Leben verändert?"
Waltz nimmt den Eiswürfel aus dem Mund und beginnt zu antworten. Er lächelt, hält Hof, lässt die banalsten Themen tiefschürfend klingen, plaudert und plaudert - fast eine halbe Stunde lang, selbst als sein Aufpasser ihn fortzerren will und den Reportern die Worte ausgehen.
Nur kurz sinniert Waltz über die Groteske seines Daseins. "Es ist nicht surreal, es ist völlig real", korrigiert er einen. "Es ist nur eine Realität, die einem nicht so geläufig ist."
Christoph Waltz, 53, ist ein richtiger Star. Einer vom alten Schlag, wie es sie in Hollywood nur noch selten gibt und in Europa erst recht nicht mehr: Charme, Charisma, endlose Geduld im Umgang mit den bizarren Pflichtübungen des Geschäfts. Wie eben auch in diesem Moment.
Dabei ist der Österreicher ja noch ein relativer Neuling hier. Erst seine Tour de Force in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" hat ihn ins Bewusstsein der Amerikaner katapultiert, gefolgt von all den Filmpreisen und nun gekrönt von einer Oscar-Nominierung. Da gilt er am Sonntag als haushoher Favorit.
Schon hat Waltz seine zwei Wohnsitze (Berlin, London) um einen dritten ergänzt (Los Angeles). Hat einen weiteren US-Film abgedreht (mit Cameron Diaz) und arbeitet bereits am nächsten (mit Reese Witherspoon).
"Ich zerbreche mir nicht den Kopf darüber", sagt er nonchalant über den plötzlichen Ruhm und seine Oscar-Chancen. Verweist lieber auf das Kaliber der Konkurrenz: Matt Damon, Woody Harrelson, Stanley Tucci, Christopher Plummer. "Ich mache mir mein Leben gerne mit anderen Dingen schwer." Er reibt sich den Bart, grinst verschmitzt, nächste Frage bitte.
"Hollywood wird deutscher"
Kein Wunder, dass ihn die Deutschen dieses Jahr zu ihrem Oscar-Maskottchen auserkoren haben. Obwohl Waltz ja streng genommen für die USA ins Rennen geht, während der offizielle deutsche Oscar-Beitrag - Michael Hanekes "Das weiße Band" - separat um zwei andere Oscars kämpft, für den besten fremdsprachigen Film und die beste Kamera.
Doch "Das weiße Band" ist ein stiller Film und Michael Haneke, obwohl in Hollywood kein Unbekannter, ein stiller Mann. Auch ist das Auslandsfeld diesmal ausgesprochen gut - "das stärkste, seit ich das mache", sagt Produzent Mark Johnson, der Chef des Auslandskomitees der Academy of Motion Arts and Sciences (Ampas). Und der von vielen erwartete Oscar für Hanekes Kameramann Christian Berger hat vergleichsweise weniger Glamour-Potential.
Und so knüpfen sich die Hoffnungen der deutschen Filmbranche an den Wiener Waltz. Immerhin entstand "Inglourious Basterds" ja sowieso fast komplett in Babelsberg und ist, wie Waltz es formuliert, "mehr ein deutscher Film als 'Das weiße Band'". Worauf er gleich ergänzt: "Aber gut, das kommt jetzt darauf an, wie man die Proportionen hin- und herschiebt."
Die Proportionen werden geschoben, bis die Offiziellen, die Deutschlands Auftritt hier in Hollywood inszenieren, auf insgesamt 13 deutsche Oscar-Nominierungen kommen - wenn man Produktions-Credits, Finanzierung und Drehhilfen mitrechnet. "Hollywood wird deutscher", frohlockt Generalkonsul Wolfgang Drautz und lädt bereits zur "Siegesparty" am Sonntagabend, ganz gleich, wer gewinnt.
Demnach zählen nicht nur "Das weiße Band" und "Inglourious Basterds" als "deutsche" Oscar-Beiträge. Sondern auch der israelische Film "Ajami", der polnische Dokumentarfilm "Rabbit à la Berlin" und das US-Drama "The Last Station", dessen Stars Helen Mirren und Christopher Plummer beide nominiert sind.
Empfang in der Villa Aurora: "Eine kleine, sensible Seele wie mich…"
Folglich ist die deutsche Filmszene diesmal mit großem Aufgebot in Hollywood angerückt. Zum Oscar-Empfang der Marketing-Dachgesellschaft German Films in der Villa Aurora, Lion Feuchtwangers einstigem Exilantendomizil am Pazifik, drängen sich rund 800 geladene Gäste - viel mehr als beim letzten Mal. Über diese "Konstellation der Sterne" staunt selbst Oliver Mahrdt, der Amerika-Chef von German Films.
Der düstere Himmel treibt die meisten bald vom Garten ins Innere, wo sie sich zwischen Buchregalen und Zierpflanzen auf die Füße treten. Nicht nur Bernd Eichinger und Jochen Alexander Freydank sind da, die deutschen Oscar-Kandidaten von 2009 (Eichinger verlor,
Freydank gewann ). Sondern auch Urgestein wie Elke Sommer und Jürgen Prochnow - die Hollywood-Hoffnungen früherer Generationen.
"Ich werde dieses Jahr 70", verkündet Sommer, die ein pfirsichfarbenes Kleid samt Strohhut mit Blumen trägt. Dann schwärmt sie vom "Weißen Band", dessen Vorkriegsaura sie besonders bewegt habe, "da ich noch im Krieg geboren wurde". Ob die Amerikaner auch dazu Zugang fänden, wisse sie nicht, doch "für eine kleine, sensible Seele wie mich…" Sie stockt, fächelt sich zu. "Ich fang' gleich an zu heulen."
Prochnow - einer der wenigen deutschen Schauspieler, die in Hollywood festen Fuß gefasst haben - gibt sich diplomatisch: "Das weiße Band" sei sein "Lieblingsfilm", und Waltz sei "wunderbar". Dessen Aufstieg erinnert ihn an die eigene Karriere, als "Das Boot" ihn ebenfalls als Star hierherbrachte.
Trotzdem fühlt sich Prochnow, 68, bis heute als Deutscher, "ich lebe nur hier". In den USA funktioniere Filmemachen eben anders als in Deutschland. Gerade erst habe er die TV-Serie "24" gedreht, "toll und professionell" sei das gewesen - allein das ein "Grund zum Herkommen".
"Ein bisschen wie Abenteuerurlaub"
Michael Haneke dagegen dürfte nicht so schnell auswandern. Der 67-Jährige absolviert die obligatorische Grüßrunde der Oscar-Anwärter durch Hollywood mit seinem Dolmetscher Robert Gray im Schlepptau - obwohl er, wie Gray verrät, "eigentlich sehr gut Englisch spricht". Haneke wird ihn sogar zur Oscar-Gala mitnehmen, damit er beim Auftritt vor den Reportern im Kodak Theatre nicht patzt.
Hanekes Hollywood-Sause beginnt, wo sie am Sonntag auch ihren Höhepunkt haben wird - auf dem roten Teppich. Noch werkeln die Arbeiter, schneiden Teppichkanten, bauen Tribünen, rücken Oscar-Statuen zurecht. In all dem Rummel wirken die Auslandsregisseure etwas desorientiert.
"Ich bin am Abend gekommen, habe gegessen und geschlafen, jetzt bin ich hier", vermeldet Haneke, sichtlich gejetlagt. "Die Spannung wird dann steigen, wenn man da drin sitzt." Trotzdem habe er sich "ein bisschen überlegt, was man sagen will", auch habe er gehört, man solle sich dieses Jahr "besonders kurz fassen". Vielleicht sage er einfach nur "danke".
Haneke hat seine Hauptdarsteller mitgebracht. Susanne Lothar wirkt abwesend, ihr Lächeln verkrampft. 2007 stand sie schon mal an dieser Stelle, an der Seite ihres Mannes Ulrich Mühe für den deutschen Film "Das Leben der Anderen", der damals den Auslands-Oscar gewann. Fünf Monate später starb Mühe an Krebs.
Jemand fragt Lothar nach ihren Gefühlen. "Diese Frage würde ich gerne überspringen", murmelt sie. Doch dann taut sie auf, erzählt, dass sie "ein tolles Kleid" für den roten Teppich habe, ihren Kindern Ostergeschenke kaufen wolle und, "wenn ich eine Stunde frei habe", am Sonntagfrüh zum Strand gehen werde.
Für Hanekes jüngste Schauspieler - die wahren Zentralfiguren im "Weißen Band" - ist der Trip nach Hollywood dagegen ungetrübt. "So ein bisschen wie Abenteuerurlaub", sagt Leonie Benesch, 18. "Es ist super, hier zu sein", strahlt die 15-jährige Maria-Victoria Dragus, die später in der Villa Aurora schon wie ein alter Profi für die Fotografen posiert.
Doch dann trifft Christoph Waltz ein, und in einer Sekunde verschiebt sich die gesamte Energie des Hauses. Die Medienmeute wogt auf Waltz zu, Frauen zücken ihre Handy-Kameras, Hände greifen nach ihm. Vergeblich versucht Waltz, die Aufmerksamkeit zurück auf Haneke zu lenken, indem ihm kräftig applaudiert. Doch die Menschen wollen Waltz.
Die begeisterte Menge drängt ihn bis hinaus auf den Balkon, er lehnt sich an das Geländer, stützt sich mit einer Hand auf einen Tisch. Irgendwo zersplittert ein Glas. "Am Montag", sagt Waltz, "wird mein Leben wieder normal."